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Mehr als eine Vision für barrierearmes Lernen

Sprüche wie “Hauptsache es läuft”, “Wir haben jetzt keine Zeit für Barrierefreiheit” oder sogar “Wir können uns jetzt nicht um die paar Studierenden mit Behinderungen kümmern” hört man immer wieder. Prof. Dr. Gottfried Zimmermann ist fachlicher Leiter des Kompetenzzentrums für Digitale Barrierefreiheit, das Bildung an Hochschulen für alle fördern möchte. Der Bildungssektor steht vor der Herausforderung, eLearning für alle Schüler und Studenten zugänglich zu machen. Doch welche Möglichkeiten des barrierefreien Lernens gibt es und wie können diese systematisch umgesetzt werden? Und ist die Corona-Krise der richtige Zeitpunkt dafür?
Eine aktuelle Umfrage unter amerikanischen Universitäten (Educause Covid-19, 2020) zeigt, dass nur 20 % denken, dass dieses Herbstsemester wird wie das im letzten Jahr. Über 80 % planen multimodale Kurse, die sowohl Onlinekurse als auch Präsenzkurse enthalten werden. Auch in Deutschland ist die Lage in Bezug auf Corona und Präsenzveranstaltungen ungewiss. Was jedoch sicher ist und was man sicher weiß ist, dass 9,6 Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland leben. Das entspricht mehr als 11,7 Prozent der Bevölkerung. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, waren 2017 9,4 % der gesamten Bevölkerung in Deutschland schwerbehindert. 15% der Menschen, also ca. 8 Milliarden, haben weltweit eine Behinderung und Achtung: 11% der Studierenden in Deutschland haben eine studienrelevante Beeinträchtigung (Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, 2016).Darunter fallen nicht nur Mobilitätsbeeinträchtigungen, sondern auch Sehbeeinträchtigungen, Blindheit, Hörbeeinträchtigungen sowie Gehörlosigkeit, Sprach-und Sprachbeeinträchtigungen, chronisch-somatische Erkrankungen und psychische Erkrankungen. Prof. Zimmermann ist davon überzeugt, dass 100% der Studierenden in Deutschland von einer barrierearmen Lehre profitieren würden. Warum also nicht die aktuelle Lage und die Zeit, die gerade in Digitalisierung eingesetzt wird, gleichzeitig dafür nutzen, Barrierefreiheit zu integrieren?Die Beseitigung von Barrieren hätte einen Nutzen für alle. Herr Zimmermann spricht hierbei von 10 exemplarischen Maßnahmen, die mehr Barrierefreiheit in der Lehre schaffen würden.   Die erste Maßnahme wäre eine sorgfältige Gestaltung (im Sinne von Barrierefreiheit) von Folien und Skripten in der Lehre. Dazu gehören Eigenschaften wie das Inhaltsverzeichnis, Lesezeichen und Folien, die auch bei schlechten Lichtverhältnissen gelesen werden können. Eine barrierefreie Folie sollte eine Vorlese-Funktion besitzen sowie das Kopieren und Markieren von Text, auch über Spaltengrenzen hinweg, ermöglichen. Abbildungen, Diagramme und Grafiken sollten mit Erklärungen versehen sein. Die zweite Maßnahme ist die Videoaufzeichnung. Es bietet sich an, Vorlesungen oder Konferenzen, egal ob online oder im Hörsaal, aufzuzeichnen. Dafür gibt es zahlreiche Plattformen, wie z.B. die Opencast Plattform. Opencast ist eine Open Source Plattform, welche schon in vielen Hochschulen Deutschlands und in Europa eingesetzt wird. In Opencast werden die Aufzeichnungen automatisch abgelegt werden und mit OCR (optical character recognition, Texterkennung) nachbearbeitet. Hierbei werden beispielsweise Sprungmarken bei jeder neuen Folie eingefügt. Ebenfalls ist auch eine Textsuche über die Folieninhalte möglich, und der Benutzer kann eine individuelle Abspielgeschwindigkeit des Videos wählen. Die dritte Maßnahme sind Live-Untertitel. Dabei werden simultan zum Reden Untertitel angezeigt. Nicht nur für Studenten, sondern auch für diejenigen, die eine andere Muttersprache sprechen, kann das eine große Hilfe sein. Die vierte Maßnahme sind mündliche Bildbeschreibungen, d.h. der Dozierende fügt eine Interpretation von Bildern und Diagrammen in den Vortrag ein. Oft sind Bilder auf den ersten Blick in Ihrer Darstellung nicht ganz verständlich. Bildbeschreibungen helfen dabei, das Verständnis und die Bedeutung des Bildes im Zusammenhang des Inhalts zu verdeutlichen. Nicht nur Studierende mit einer Sehbehinderung, sondern auch Studierende, die eventuell nicht gleichzeitig mitschreiben und nach vorne sehen können, profitieren von dieser Anwendung. Basierend auf Maßnahmen wie Live-Untertitelung, Skripten/Folien und mündlichen Bildbeschreibungen, kann ein interaktives Lernskript erstellt werden. Die Lernenden können damit nach Konzepten und Begriffen suchen und die Professoren haben durch die Learning Analytics eine Einsicht, wie die Studierenden vorankommen und an welchen Stellen noch mehr geübt werden sollte und wo die Studierenden vielleicht noch Schwierigkeiten haben. Die sechste Maßnahme kann sogar die Dozenten unterstützen. Eine sogenannte Vorlesungsanalyse kann automatisch erstellt werden, wie das z.B. im amerikanischen Projekt Spectrum gemacht wird. Vorlesungen werden dabei als Farbcodes dargestellt. Dabei kann ein Farbcode ein Themenfeld darstellen, worüber der Dozent gesprochen hat. Anhand dessen sieht der Dozent, wie lange er über welches Thema gesprochen hat. Der Dozent hat ebenfalls Einsicht in die Interaktivität der Studierenden. Eine weitere Maßnahme, die insbesondere in der technischen Umsetzung aufwendig ist, ist die Übersetzung der Lehrinhalte in eine einfache Sprache. Lehrinhalten in einfacher Sprache sollten die herkömmlichen Lehrinhalte ergänzen, nicht ersetzen. Ansätze, dieses Vorhaben umzusetzen, gibt es bereits: Es gibt eine Plattform von IBM (International Business Machines Corporation, ein US-amerikanisches IT- und Beratungsunternehmen), die versucht, englischsprachige Zusammenfassungen und Sprachvereinfachungen automatisch zu erstellen. Auch das Lernen im Dialog sieht Prof. Zimmermann als sehr förderlich, nicht nur für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder sonstigen Beeinträchtigungen, sondern für alle Studierenden. Doch wie können wir das Lernen als Dialog gestalten? Mit Hilfe von digitalen Sprachassistenten könnte ein Student sich effektiv auf Prüfungen vorbereiten, da der intelligente Helfer in der Lage ist, konkrete Fragen zu den Prüfungsinhalten zu stellen. Fast die Hälfte der Studierenden mit einer Lernbeeinträchtigung geben an, eine psychische Beeinträchtigung zu haben. Studenten stehen teilweise stark unter Stress und Leistungsdruck. Daher ist es zunehmend ein Thema, die Work-Life-Balance im Gleichgewicht zu halten. Prof. Zimmermann möchte die emotionale Unterstützung von Studierenden vorantreiben, vorzugsweise durch andere Menschen. Doch auch die Unterstützung durch Apps und künstlichen Intelligenzen könnte an manchen Stellen helfen. Wichtig hierbei ist jedoch, die ethischen Grenzen zu kennen und zu verhindern, dass dies manipulative Züge annimmt. Als letzte Vorgehensweise nennt Prof. Zimmermann den Flipped Classroom, eine Methode, die durch die aktuelle Covid-19 Situation an unserer Hochschule bereits stärker eingebunden wird. Hierunter wird verstanden, dass jeder Studierende in seinem eigenen Tempo lernt und sich selbst durch vorgegebene Dokumente und Videos die Lehrinhalte aneignet. Die Studierenden haben die Möglichkeit, Lehrinhalte zu Hause zu erlernen und durch Quizze ihren Kenntnisstand zu überprüfen. Die Präsenzveranstaltungen werden dann genutzt, um das Erlernte zu vertiefen. Ein Vorteil dieser Maßnahme ist, dass, wenn die Inhalte barrierefrei zur Verfügung gestellt werden, jeder in seinem eigenen Tempo lernen kann und die Präsenzzeit anschließend optimal genutzt werden kann.Viele der von Prof. Zimmermann genannten Maßnahmen passen gut ins Bild von “Universal Design for Learning (UDL)”, das bereits vor Jahren von CAST entwickelt wurde. Darunter wird ein Rahmenwerk für flexibles Lernen verstanden, welches es allen Studierenden ermöglichen soll, unter Berücksichtigung ihrer Lernbedürfnisse zu lernen. Die UDL besteht aus drei Säulen: Die Förderung des Engagements und des Interesses der Studierenden, das Anbieten der Lehrinhalte in verschiedenen Formaten und das Einbeziehen der Studierenden auf verschiedene Weisen, beispielsweise in verschiedenen Prüfungsformen. Die von Prof. Zimmermann vorgeschlagenen Maßnahmen decken sich an vielen Stellen mit Universal Design for Learning. So kann man beispielsweise Flipped Classroom unter „Förderung des Engagements“ einordnen. Somit kommt man mit den vorgeschlagenen Maßnahmen weiter zu dem Ziel, Universal Design for Learning umzusetzen. Letztendlich haben wir laut Prof. Zimmermann jetzt die Chance, Weichen zu stellen, die über die Zeit der Covid-19 Pandemie hinausgehen. Es gibt bereits Technologien, die dazu beitragen, das Lernen barriereärmer zu machen und es werden stetig neue Technologien entwickelt. In der momentanen Zeit kann das Potential des E-Learnings genutzt werden, um das barrierefreie Lernen auszubauen. Nun wäre die Zeit, um zu handeln, denn von barrierefreiem Lernen profitieren alle - nicht nur die Studierenden mit Behinderungen.

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Veröffentlicht am
30. Juni 2020
Autor
Laura  Butera
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